Einer der bekanntesten Volksläufe hierzulande ist der GutsMuths-Rennsteiglauf. Seit 1973 wird er regelmäßig im Mai ausgetragen. Mit über 18.000 Teilnehmern ist er der größte Crosslauf Europas und natürlich eine Massenveranstaltung.
Wenn man selbst mitläuft, fällt das allerdings gar nicht so stark auf: Es gibt verschiedene Strecken, die auch an unterschiedlichen Orten starten. Das Ziel im Suhler Ortsteil Schmiedefeld ist dann jedoch für alle das gleiche. Ich war dieses Jahr das erste Mal dabei und möchte ein wenig über meine Erlebnisse berichten.
Wer war Johann GutsMuths?
Neugierig, wie ich bin, wollte ich natürlich wissen, wie der Lauf zu seinem Namen kam. Johann Christoph Friedrich GutsMuths war ein deutscher Pädagoge und gilt als Mitbegründer des Turnens. Die etwas ungewöhnliche Schreibweise mit dem großen "M" hat sich der geborene Gutsmuths übrigens selbst verpasst; er nannte sich als Autor seiner Bücher so.
Der Mann wurde 1759 in Quedlinburg geboren und starb 1839 am Nordrand des Thüringer Waldes, nicht allzu weit vom Rennsteig. Bekannt ist er vor allem, weil er die allgemeine Einführung von Gymnastik- und Turnunterricht an Schulen empfahl. Dabei ging er erstaunlich systematisch vor und berücksichtigte bereits individuelle Voraussetzungen der Schüler. Sogar der berühmte Turnvater Jahn hat bei ihm gelernt. Jahn war mir ehrlich gesagt vorher bekannter - vielleicht, weil er eher prämilitärisch wirkte (Stichwort Wehrertüchtigung) und zur NS-Zeit ideologisch instrumentalisiert wurde, was seinem Bekanntheitsgrad sicher geholfen hat... GutsMuths hingegen hatte einen pädagogisch-humanistischen Schwerpunkt.
Aufgeklärtes Lernen in Schnepfenthal
Johann Christoph GutsMuths unterrichtete in Schnepfenthal nahe Gotha in einer für damalige Verhältnisse völlig neuen Schulform für aufgeklärteres Lernen. Diese Erziehungsanstalt bot neben den üblichen Fächern auch neuere Sprachen, praktische Arbeit und eben Sportunterricht an. Auf dem Lehrplan standen Gymnastik, Schwimmen, Skilaufen, Schlittschuhlaufen, Stabhochsprung und Waldlauf. Geturnt wurde auf dem schuleigenen Gymnastikplatz - dem allerersten Deutschlands!
Heute widmet sich eine Ausstellung in der GutsMuths-Gedächtnishalle dem Leben und Wirken des einstigen Turnlehrers. Die möchte ich mir irgendwann einmal anschauen.
Auch international machte GutsMuths sich durch Veröffentlichungen einen Namen. So gibt es von ihm unter anderem ein 'Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterrichte'. Was ich besonders inspirierend fand, ist sein Zitat: "Man gebrauche nicht den Zwang! Man ermuntere durch Beifall!" Wenn ich daran denke, wie vielen von uns der Sportunterricht in der Schule jeglichen Spaß an der Bewegung genommen hat, war er seiner Zeit meilenweit voraus.
Der GutsMuths-Rennsteiglauf: Größter Cross-Lauf Europas
Zurück in die Gegenwart: Der Rekord beim Halbmarathon (21,4 km) liegt bei den Frauen bei beeindruckenden 1:16:21 Stunden. Ich muss zugeben: Ich bräuchte für nur 10 Kilometer länger... Es sind ja schließlich auch jede Menge Höhenmeter zu bewältigen!
Das Schöne an Volksläufen ist aber, dass man auch dabei sein darf, wenn
man etwas langsamer unterwegs ist. Und gerade der Rennsteiglauf ist ein
Event, das man einfach genießen sollte.
Genau deshalb hatte ich mich zusammen mit ein paar Freundinnen meiner Laufgruppe schon vor Monaten angemeldet. Die kürzeste Strecke ist der Halbmarathon, den wir gelaufen sind. Daneben gibt es einen Marathon und den Supermarathon mit 73,9 km. Neben den drei Hauptlaufdistanzen gibt es Angebote für Wanderer, Nordic Walker und einen Junior-Cross für Kinder.
Das Abenteuer beginnt: Frühstart und Gänsehaut in Oberhof
Für uns hieß es am Lauftag: Der Wecker klingelt unbarmherzig früh. Wir trafen uns kurz vor 4 Uhr. Damit wir alle zusammen fahren konnten, hatten wir uns einen VW-Bus geliehen. Die Landstraßen und Autobahnen waren zum Glück ziemlich leer. Unser erstes Ziel am Morgen war Oberhof; dort waren wir um 5:30 Uhr.
Da vor Ort alles perfekt ausgeschildert ist, lief die Anfahrt relativ stressfrei. Erste Amtshandlung: Kurz parken und ab zum Haus des Gastes, um die Startunterlagen abzuholen. Weil wir gut in der Zeit lagen, war danach sogar noch gemütlich Zeit für einen wärmenden Kaffee.
Von dort sind wir weiter zur Arena am Rennsteig, wo der Start für den Halbmarathon ist. Doch kurz vor dem Start wurde es logistisch sportlich. Die Warteschlangen an den Toiletten waren gefühlt endlos... Ein Klassiker bei Großevents, und klar war es besser, hier noch etwas verschlafen zu sein und Nase und Augen nicht allzu sehr zu nutzen... Etwas unterhalb, nahe der Arena, waren die Dixis weniger voll. Es lohnt sich also, sich etwas umzuschauen, auch wenn das im kalten Nebel nicht so einfach ist.
Als wir uns schließlich rechtzeitig in unseren zugewiesenen Startblöcken in der Lotto Thüringen SkiArena einfanden, folgte der Kälteschock: Bei gerade einmal 2 °C standen wir da - und zwar im kurzen T-Shirt. Wir haben ordentlich gezittert. Manche hatten Müllsäcke dabei, die etwas isolierten, und warfen diese vor dem Start weg. Ich hatte zum Glück auch meine Laufweste dabei und habe mir zwischendurch eine leichte Laufjacke übergezogen.
Der TEAG Halbmarathon: Von Frost zu Runner's High
Als endlich der Startschuss fiel, gab es dann aber kein Halten mehr. Die Stimmung war aufgeheizt, es gab Musik und Moderation. Traditionell wird kurz vor dem Start des Rennsteiglaufs das berühmte Rennsteiglied angestimmt. Ich muss zugeben, dass ich das zuvor nicht kannte... Es wurde ursprünglich von Herbert Roth komponiert und ist Teil des immateriellen Kulturerbes im Freistaat. Außerdem gilt als heimliche Nationalhymne Thüringens. Cool war, dass so viele dieses Lied textsicher mitgesungen haben.
Die ersten Läufer starteten um 7:30 Uhr, die nächsten immer später, und zwar in Blöcken. Da wir bei der Anmeldung eine relativ langsame Zielzeit angegeben hatten, starteten wir in einem der hinteren Blöcke gegen 8 Uhr. Trotzdem sprinteten um uns herum viele Läufer sofort los. Dabei ging es kurz nach dem Start schon direkt knackig bergauf. Ich habe mich nicht aus der Ruhe bringen lassen und bin die ersten steilen Meter bewusst gegangen, um meine Kräfte für die anstehenden Kilometer zu schonen.
Nachdem wir die ersten Wälder (hier verschwanden manche hinter den Büschen, die sich die Dixis am Start nicht antun wollten) und dann auch die Straßen von Oberhof hinter uns gelassen hatten, passierten wir das bekannte Rondell. Ab da wurde es einfach nur traumhaft.Der Weg führte auf wunderschönen Waldwegen leicht bergauf durch den Thüringer Wald. Wir wurden mit grandiosen Weitsichten belohnt und das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite. Das Verrückte: In der Nähe des höchsten Punktes der Strecke – dem Großen Beerberg auf stolzen 974 Metern Höhe – lag tatsächlich noch Schnee!
Danach ging es endlich wieder bergab. Unterwegs habe ich die legendären Verpflegungsstationen (wie hier an der Schmücke) richtig genossen. Die Stimmung dort ist einfach einmalig. Zum Glück gab's auch heißen Tee, was vor allem in der ersten Hälfte des Laufs echt gut tat.
Etwas anstrengend wurde es, als sich unsere Route mit der Nordic Walking-Tour überschnitt. Einige der Walker fanden ihren Abzweig nicht und liefen auf unserer Strecke. Manche ließen einen kaum vorbei, einige fingen plötzlich selbst das Rennen an und ich musste höllisch aufpassen, nicht von einem der schwingenden Stöcke erwischt zu werden.
Endspurt und das schönste Ziel der Welt
Hier ein paar Fotos, die ich unterwegs geschossen habe, oft bergauf, wenn ich gehe - und was erklärt, dass die Läufer und Läuferinnen vor mir teils gehen. :-)
Auf den letzten Kilometern mischten sich dann die ersten Läufer des Supermarathons unter uns. Das kann man nicht verpassen, da ein Fahrrad vorausfährt (ich glaube, es waren sogar zwei) und man gesagt bekommt, dass man Platz machen soll.
Das fand ich absolut faszinierend: Diese Athleten hatten zu dem Zeitpunkt bereits über 70 Kilometer in den Knochen - und trotzdem fegten sie mit einer unglaublichen Körperspannung (der Läufer rechts in der Collage, gut zu sehen) und perfekten Haltung an mir vorbei, während um mich herum viele Halbmarathonis nur noch gehen konnten. Das hat mich noch einmal richtig gepusht. Ich konnte meinen (deutlich langsameren) Rhythmus halten und durchlaufen.
Die letzten paar hundert Meter vor dem Ziel vergisst man nicht so schnell. Die Zuschauer stehen da, jubeln, klatschen und tragen einen förmlich über die Linie. Es heißt völlig zu Recht: Das schönste Ziel der Welt ist Schmiedefeld!Die Stimmung im Ziel war einfach genial. Nach dem verdienten Finisher-Bier, das man hinter dem Zielbereich bekommt, haben wir uns dann gesucht (ich war die letzte unserer Truppe und es sind eine Menge Leute!) und erst einmal mit einer echten Thüringer Bratwurst gestärkt.
Im Zielbereich herrscht ein buntes, glückliches Treiben, weil im Minutentakt die Läuferinnen und Läufer der unterschiedlichsten Strecken eintreffen. Im Ziel sind alle glücklich, den doch anstrengenden Rennsteiglauf erfolgreich bezwungen zu haben und es ins Ziel geschafft zu haben.
Tipps für den Rennsteiglauf
Damit Euer Tag in Schmiedefeld genauso entspannt endet, wie er begonnen hat, hier noch ein paar praktische Tipps aus erster Hand:
- Hotels oder Unterkünfte sind Jahre im Voraus ausgebucht oder extrem teuer. Aus dem Grund sind wir von zuhause aus hingefahren. Wer vor Ort ist, kann am Vorabend die Kloßparty mitnehmen und auch die Startunterlagen abholen.
- Kleiderbeutel-Service: Man muss im Ziel natürlich nicht frieren. Am Start kann man ganz unkompliziert einen Beutel mit frischen Sachen abgeben. Dieser wird nach Schmiedefeld transportiert und wartet dort auf einer großen Wiese übersichtlich zum Abholen.
- Dusch-Packliste: Im Zielbereich gibt es Duschmöglichkeiten. Wenn man sich dort frisch machen möchte, sollte man sich unbedingt drei Dinge in den Kleiderbeutel einpacken: Badeschlappen, Seife/Shampoo und Handtuch.
- Festgelände: Hier am besten etwas Zeit und Geld mitbringen. In Schmiedefeld gibt es eine riesige Auswahl an Essen und Trinken. Außerdem lädt die Sportler-Messe zum Bummeln ein. Hier gibt es nützliches Equipment zum Laufen und Wandern, coole Rennsteig-Goodies und oft auch die begehrten Finisher-Shirts der Vorjahre zum Schnäppchenpreis, zumindest in einigen Größen.
- Da der Lauf in Oberhof beginnt und in Schmiedefeld endet, fährt man zum Ausgangspunkt oder zu einem der vielen ausgeschilderten Parkplätze mit einem Bus zurück. Dafür etwas Zeit einplanen.
- Und wer wissen will, was einen erwartet: Ich war drei Wochen zuvor schon einmal dort und bin die Strecke vom Rondell zur Schmücke (und zurück) vorgelaufen, damit ich ein Gefühl dafür bekomme, was mich erwartet. Das fand ich ganz gut. Es ist natürlich nicht nötig, da der Lauf so gut ausgeschildert ist, dass man sich nicht verlaufen kann. Und es sind viele andere unterwegs; man ist nie allein.
Wenn man das alles im Kopf hat, kann man die super organisierte Veranstaltung richtig genießen! Der Rennsteiglauf ist ein ganz besonderes Kultevent, das jedes Frösteln am Start und jede Anstrengung aufwiegt.












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